AABER AWARD – Kulturpreis für junge Kunst

AABER AWARD – Kulturpreis für junge Kunst

Der im vergangenen Jahr mit 2.500 Euro dotierte AABER AWARD ist ein Kulturpreis für junge Künstler und Kreative. Die Preisträger werden vom Publikum selbst direkt gewählt.

“AABER Hallo” betitelte die Süddeutsche Zeitung das spektakuläre Kulturprojekt, das Mitte Mai 2012 in der Alten Polizeiwache am Stiglmaierplatz/München statt fand. Das breite Spektrum der von 65 Künstlern auf rund 1.000 qm ausgestellten Arbeiten begeisterte mehr als 2.500 Besucher.

Neben den Ausstellungen fanden tagsüber zahlreiche Workshops, Performances und Lesungen statt. Live-Musik und DJs rundeten das Programm ab. Damit übertraf der Erfolg des AABER AWARD 2012 noch die Premiere des Jahres 2011, als rund 1.000 Kunstinteressierte ins Film Casino am Odeonsplatz strömten, um über die Werke von 26 Künstlern abzustimmen.

Ein Interview mit zwei der Organisatoren des Aaber Awards

Auch ohne Vorladung: Am 17. und 18. Mai, jeweils ab 13:00 bis open end, können die Räume der alten Polizeiwache München von innen besichtigt werden. Wachtmeister Dimpflmoser wird man hier zwar nicht mehr begegnen. Dafür gibt es nun aber unvergleichlich anderes zu sehen, zu hören und – ja auch, zu riechen. ZEITjUNG.de sprach mit Isabella Wolf und Maximilian Heitsch, zwei der insgesamt sechs Organisatoren des diesjährigen Aaber Awards, über Kunsträume, Trends und Kreative.

Isabella und Max, den ersten Aaber Award habt ihr im April 2011 veranstaltet. Wie wurde die Preisverleihung denn damals aufgenommen?

Maximilian Heitsch: Der erste Aaber Award lief ja nur einen Tag, von neun Uhr abends bis in der Früh um fünf. Die Reaktionen waren überwältigend, weil zwar nur ungefähr 500 Leute auf Facebook zugesagt hatten, im Endeffekt aber fast 1000 kamen. Dementsprechend hat die SZ damals dann auch einen Artikel gebracht, ein Portrait über eine halbe Seite. Daraufhin haben wir dann den Aaber Artspace aufgezogen, eine Galerie, wo wir längerfristiger und nachhaltiger ausstellen konnten. Das alles wird immer noch super aufgenommen. Jeder, der auf uns zukommt, meint „Wow, wir brauchen in München mehr Leute, die so etwas machen.“

Offensichtlich fehlt so etwas in München. Wer wäre eurer Meinung nach in der Pflicht, in dieser Hinsicht mehr zu machen?

Isabella Wolf: Es ist in München schwierig, an einen günstigen Raum zu kommen, wo man solche Projekte verwirklichen kann. Die Mieten sind derart hoch, dass man sich nicht einfach ein Atelier mit 30 oder 40 m² Fläche leisten kann. Die Stadt sollte deshalb den Zugang zu Gebäuden, die leer stehen, erleichtern.

Mit der diesjährigen Location seid ihr aber zufrieden, oder? Die alte Polizeiinspektion hat ja nicht nur einen ganz eigenen Charme, sondern bietet auch jede Menge Raum für Aktivitäten.

MH: Das Schöne an dieser Location ist, dass ein Künstler nicht mehr nur ein Werk zeigen kann, sondern eben einen ganzen Raum zur Verfügung hat. Das heißt, er muss einen ganzen Raum zur Präsentation seines Werks gestalten. Da fließen ganz neue Überlegungen ein: Was war hier vielleicht vorher, was wird später daraus, wie kann ich mit einer Installation vielleicht noch eine Interaktion in mein Werk reinbringen. Die Künstler haben völlig freie Hand, sie malen auch alles an. Die Fenster, die Decke, sie können so richtige Stimmungen schaffen.

IW: Und dadurch, dass das Gebäude danach abgerissen wird, können wir hier schalten und walten, wie wir lustig sind. So haben die Künstler auch die Möglichkeit, Türen und Wände heraus zu reißen, wenn sie nicht zu ihrem Konzept passen. Das geht hier. Zum Polizeigebäude-Charme gehört zum Beispiel sogar eine Zelle, der Haftraum, mit Gitter und Pritsche. Da darf man jedoch die Tür nicht zu machen, weil wir gar keinen Schlüssel dazu haben.

Was ist für den diesjährigen Aaber Award denn alles geplant?

MH: Wir haben im Gesamten ein zehn Stunden Programm. Workshops, Performances, Installationen. Wir haben von Licht bis Geruch, über Sänger, Performances allgemein, Installationen mit Geruch, Malerei, Fotografie, Video, Objektkunst, Mode und Schmuck alles dabei. Es gibt einen Biergarten, abends legen DJs auf. Das heißt, es gibt nicht nur Malerei zu sehen. Wir wollen allen Kreativen, also nicht nur Künstlern im klassischen Sinn, eine Plattform geben, ihre Ideen einem größeren Publikum zu zeigen.

Der Zuspruch steigt von Jahr zu Jahr. Meint ihr, dass die Künstler auf Leute wie euch, die ihnen diese Plattform bieten, geradezu warten?

IW: Ich glaube, dass diese Gelegenheit, in diesem Rahmen auftreten zu können, sehr, sehr dankbar angenommen wird. Viele kommen davor und danach zu uns und bedanken sich, dass wir diese Möglichkeit organisieren. Die Künstler sind auch einfach froh darüber, dass sie ihre Sachen zeigen können. Gerade für Leute, die vielleicht weniger Organisationstalent besitzen, oder die generell nicht einfach so eine Ausstellung machen können, ist es ein relativ simpler Weg – klar, sie müssen allerdings vorher durch die Bewerbung kommen – ihre Kunst auszustellen.

MH: Es ist auch so, dass es in München keine richtige Gemeinschaft unter den Künstlern gibt. Das ist etwas, was wir mit dem Aaber Award ändern wollen. Wir wollen eine Art Netzwerk schaffen, in dem sich Kreative und Künstler gegenseitig austauschen und bestärken können. Aaber ist im Moment der zentrale Anlaufpunkt und wird es in Zukunft vielleicht auch noch mehr sein.

Ihr habt 270 Bewerbungen durchgeschaut und stellt nun 65 Künstler bzw. Künstlergruppen vor. Kann man bei so vielen Künstlern und Künstlerinnen überhaupt noch so etwas wie Trends ausmachen? Könnt ihr ein paar aktuelle Entwicklungen nennen?

MH: Das ist ein extrem interessanter Punkt. Das beginnt schon bei der Vorauswahl, weil man da schon gesehen hat, wo Strömungen so hingehen. Wir haben allerdings bei der Ausstellung darauf geachtet, dass eben möglichst viele Positionen für sich stehen. Als eindeutiger Trend zeichnet sich jedoch die Performance ab. Unglaublich viele Kandidaten machen Performance, ganz viele gehen mit ihrem Körper rein. Und ich glaube, auch generell ist es ein Thema für unsere Generation, die ja sehr viel in digitalen Medien lebt, sich einen Ausgleich dazu über den Körper zu suchen. Die Leute versuchen immer mehr, wieder zu sich zurück zu kommen und über Ausdruck, über Tanz, über Singen, eben über ihren Körper das auszudrücken, was sie früher vielleicht über die Malerei gemacht hätten.

Ist es auch ein Trend, alles auf einmal machen zu wollen: Party, Tanz und Trinken, Show, Kunst und Kultur mit Sehen, Hören, Riechen? Die unterschiedlichsten Sachen an einem einzigen Abend vereint?

MH: Die Idee dahinter ist eigentlich – und das ist auch meine Auffassung von Kunst –, dass du dich mit deinen persönlichen Grenzen aufreibst an den Ecken der Künstler. Jeder Mensch hat zum Beispiel Beine, aber wer kann schon tanzen? Ich war jetzt sechs Monate in Buenos Aires und dort kann einfach jeder Tango tanzen. Aber hier, dieses Elektro-Herumgehample. Ich glaube, es ist extrem wichtig, dass du durch das Ansprechen aller Sinne auch deine eigenen Sinne wieder aktivierst, weil du stumpf bleibst, wenn du immer nur vor einer Mattscheibe sitzt. Das Ansprechen mehrerer Sinne erhöht außerdem den Grad der Interaktion. Wenn alle Sinne angesprochen werden, fängst du auch an, in eine Interaktion rein zu gehen, das heißt, wenn du tasten kannst, dann tastest du auch, und es gibt auf einmal eine Verbindung zwischen dir und dem Kunstwerk. Du wirst selber Teil des Kunstwerks, oder auch Teil von Kunst.

Was unterscheidet euch von Veranstaltungen wie der Stroke oder der Galeria Autonomica?

MH: Die Stroke ist eine Kunstmesse und die muss man auch als Messe verstehen. Von daher hat das nichts zu tun mit dem, was wir hier machen. Galeria Autonomica machen echt gute Sachen und ich finde super, dass es das gibt, aber bei denen geht es mehr darum, coole Musik zu machen; sie haben am Anfang auch irgendwie Kunst gemacht, aber…

IW: …Ich habe aber das Gefühl, dass das eher abnimmt. Das Villa Autonomica Festival hatte ja mit Kunst nichts mehr zu tun. Am Anfang war dieser Kunst-Gedanke stärker.

MH: Es geht bei uns darum, den Fokus auf die Kunst zu setzen, und nicht auf das Saufgelage. Natürlich machen wir auch eine Party und wollen Spaß haben, aber das ist nicht unser Hauptanliegen.

Ihr habt schon angedeutet, dass es überraschende, verstörende Performances geben wird. Braucht eine Ausstellung den Skandal?

MH: Wir haben da nichts geplant oder es darauf angelegt. Es ist nicht so, dass wir den Skandal auswählen oder dass wir nur das fördern, was Presse bringen könnte. IW: Es ist eher so, dass uns jemand überzeugt, weil er etwas Außergewöhnliches macht. Wenn jetzt jemand zu uns sagt: „Ach übrigens, ich spritze Blut durch die Gegend…“ MH: …Ja, das haben wir einen Tag vorher erfahren, seit gestern wissen wir das erst! Wir meinten daraufhin: „Was?? Du willst dir Blut abnehmen? Ist dir das nicht ein wenig zu heftig?“ Wir legen Extremkünstlern keine Verbote auf, aber wenn jemand unbedingt Steine essen will, fragen wir ihn schon: „Meinst du, das ist gesund?“ IW: Aber es wurde hier niemand nach seinem möglichen Schock-Potential ausgewählt.

Der Aaber Award ist ein Publikumspreis – traut ihr dem Publikum zu, das beste Kunstwerk auszuwählen?

MH: Das ist ein extrem wichtiger Punkt für Aaber. Es geht hier eben gerade nicht darum, dass irgendeine hochnäsige Jury den Preis vergibt, sondern dass der Award durch die Gemeinschaft vergeben wird, durch eine demokratische Wahl. Da kommt wieder dieser Gedanke von Gemeinschaft und Zusammenhalt ins Spiel.

Habt ihr von der letztjährigen Gewinnerin, Lina Augustin, mitbekommen, dass sie durch den Preis mehr Aufmerksamkeit bekommen hat?

MH: Wir begleiten mittlerweile auch die Leute, die Teil unseres Netzwerkes sind. Lina zeigt auch dieses Jahr hier wieder einige ihrer neuen Werke und man merkt richtig, dass es bei ihr weiter geht. Auch der Camill (von Egloffstein, Anm. d. Red.), der letztes Jahr den zweiten Platz gemacht hat, stellt ebenfalls hier aus. Aber nicht, weil die beiden damals die Preise gewonnen haben, sondern weil wir gesehen haben, dass sie noch einmal wesentlich besser geworden sind.

Was habt ihr vor, zu tun, wenn ihr euch jetzt als eine Art offiziell anerkannter „Bayerischer Kunstpreis“ etabliert?

IW: Wir kaufen uns ein Haus auf Ibiza. (Beide lachen) Nein, ich glaube, es wird immer neue Sachen geben, die man machen kann. Vor allem in München, weil in hier diese off-Locations noch wenig erschlossen sind und es da noch so viel Potential auszubauen gibt. Wir würden neue Sachen machen, so, dass es immer weiter eine Entwicklung geben kann. MH: Unser Fokus ist immer auf Kunst, auf junge Kunst gerichtet und das wird sich, denk ich mal, auch nicht so schnell ändern. Es kommen inzwischen immer mehr Anfragen, ob wir nicht Lust hätten dort oder da auch noch mitzumachen. Das ist großartig für uns, weil wir dann auch die Künstler, die jetzt hier ausstellen, dahin mitnehmen können. Das ist ja genau das, was wir mit unserem Netzwerk wollen. Wir versuchen, dieses weiter aufzubauen. Und schon auch, uns treu zu bleiben.
Der Aaber Award 2012 findet am 17. und 18. Mai statt. Infos und Programm unter www.aaber.de

Photos: Anna Sophia Hofmeister

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