AABERkadabra #1 mit Joseph W. Ohlert und dem Jungbrunnen der Jugend

„Schlicht, nackt, monumental, plakativ“ – Joseph W. Ohlert macht zärtlich-intime Porträts junger Menschen in Berlin…

Der AABER AWARD zeichnet seit 2011 junge Künstler aus allen Bereichen der bildenden und darstellenden Kunst aus. Dieses Jahr findet er Ende Mai in München statt. Bis dahin wollen wir euch in Kooperation mit ZeitJung.de in der Reihe „AABERkadabra“ in unregelmäßigen Abständen Künstler vorstellen, die sich im Dunstkreis des AABER bewegen – 10 Fragen, 10 Antworten und eine Reihe signifikanter Bilder…

Den Anfang macht der Fotograf Joseph W. Ohlert, der sich auf intime Porträts des jungen Berlin spezialisiert hat…

ZEITjUNG.de: Was ist das Letzte, das du aufgeschrieben hast?

Joseph W. Ohlert: „POSTKARTE 1 EURO“

Kannst du den Entstehungsprozess deiner Arbeiten beschreiben?

Grundsätzlich bin ich da sehr einfach. Bisher habe ich versucht, meine Planung nicht abhänigig von Make-Up, Stylisten oder Model-Agenturen zu machen. Die meisten Leute die ich bisher fotografiert habe waren Freunde oder welche, auf die ich durch Zufall auf der Straße oder in Facebook aufmerksam wurde. Erfreulicherweise bekomme ich oft gutes Feedback aber jetzt habe ich eine so große Liste mit Leuten, die ich noch fotografieren oder vielleicht nochmal porträtieren will, dass ich garnicht hinterher komme. Manchmal wird mir dann alles zu viel und ich verkrieche mich eine Woche zuhause und schaue Filme. Von Trash bis zu Independent.

Meine Leute, die ich fotografiere, treffe ich häufig spontan, je nachdem wie das Wetter ist oder wen es gerade in die deutsche Hauptstadt gespült hat. Das ist auch ein großer Vorteil in einer aufregenden Stadt wie Berlin zu leben: Die Leute kommen von selbst zu mir. Die Location wird auch eher beim Treffort improvisiert, jedoch bervorzuge ich es, bei meinen Modellen zuhause zu arbeiten. Zum Einen weil es mich interessiert die Person kennenzulernen und sich oft lustige Bildkompostionen ergeben, auf die ich bei mir zuhause nicht in der Art gekommen wäre. Die Bilder wirken dann auch spontaner und sind im gewissen Sinne auch authentischer. Zum Anderen fühlt sich der Porträtierte einfach wohler.

Meine künstlerischen Arbeiten sind ja bekannt dafür, oft nackte Haut zu zeigen und diese Vertraulichkeit muss auch erstmal zustande kommen. Wenn ich die Bilder habe, bringe ich die Negativ-Filme zum entwickeln und sortiere anschließend meine Besten raus. Zu sehen, was ich fotografiert habe und ob es so geworden ist, wie ich es mir vorgestellt habe ist der liebste Teil meiner Arbeit. Auch unvorhergesehene Motivstimmungen sind manchmal eine schöne Überraschung. Wenn ich zum Beispiel keinen Einfluss auf eine ständige, sich bewegende Lichtquelle habe, muss ich mit einigen Fehlschüssen rechnen, aber bis jetzt war auch immer was dabei. Das war zum Beispiel jetzt bei der letzten Fashion Week der Fall, wo ich einige Shows backstage fotografisch begleitet habe.

Was hat dich zuletzt überrascht und in Staunen versetzt?

Als ich letzte Woche meine Steuererklärung für 2012 gemacht habe, ist mir aufgefallen, wie viel ich eigentlich essen gehe. eigentlich mag ich kochen, aber wenn ich Hunger habe, will ich einfach nur schnell was essen und nehme mir nicht die Zeit selber zu kochen. Das soll sich in zukunft ändern. aber in Berlin ist es auch so verlockend einfach vor die Tür gehen zu können und sich Sushi beim Restaurant nebenan zu holen. Aber wirklich überrascht hat mich eigentlich mein Fernseh-Konsum. Meine Eltern haben sich ein neues Fernsehgerät zugelegt und haben mir kurzerhand ihre altes bei einem Besuch anvertraut. Als Kind hing ich ständig vor der Glotze, mit 16 hatte ich mich aber davon mehr oder weniger verabschiedet. Jetzt steht dieses Ding jedenfalls in meinem Wohnzimmer und ich habe es nun als ein Selbstexperiment angenommen. ich dachte ich würde wieder stundenlang davor die Zeit totschlagen, aber tatsächlich steht das Ding jetzt Wochen bei mir rum und ich komme einfach nicht dazu. Da ist mir aufgefallen, wie oft ich eigentlich unterwegs bin. Das hat mich sehr überrascht. Man denkt, man ist für Berlin eher von der ruhigen Sorte aber dann stellt sich raus, dass man nur noch zum Schlafen und Duschen nach Hause kommt. Das sind aber auch dann die Hochphasen. Gerade war ich eine woche krank im Bett und hab mich nun bestens mit meinem „PHILIPS “ (FlatTV) angefreundet.

An welchen Orten bist du am kreativsten, an welchen Orten arbeitest du?

Meine ideen bekomme ich überall. Häufig, wenn ich mit Kollegen unterwegs bin. Am besten in Gegenden, in denen ich noch nie war. Tim, ein ziemlich cooler Freund von mir arbeitet bei einem Skater-Lifestyle-Magazin gleich bei mir um die Ecke, wohnt aber am Arsch von Berlin. Ok, Steglitz ist noch nicht wirklich das Letzte, was man zu Gesicht bekommt aber was treibt schon ein Mitte-Boy da unten. Jedefalls hab ich Tim besucht und wir sind da ein bisschen durch die Straßen gezogen. Er hat ziemlich was auf dem Kasten, zwar ist er hetero und versteht mehr von Fashion als ich, aber mit den richtigen Leuten in den abgefucktesten Ecken abzuhängen ist ein Zeigefinger in die richtige Richtung. Und sein Mitbewohner, ein Künstler und Tätowierer ist ein Fotobuch für sich!

Wie würdest du den Kreis der Menschen beschreiben, mit denen du dich tagtäglich umgibst, die dich prägen?

Ich denke, wenn schon die Rede von „Kreisen“ ist, dann kann man mein Umfeld wohl am ehesten mit den olympischen Ringen vergleichen. Ich bin ziemlich offen und interessiert und habe auch die unterschiedlichsten Leute, die ich treffe. Mein Bekanntenkreis ist sehr groß und ich sehe viele von denen oft durch Zufall oder nur kurz zum Essen. Meine besten Freunde habe ich manchmal wochenlang nicht auf dem Schirm. Aber alle prägen sie mich. ich habe viele Paradiesvögel als Freunde aber auch graue Mäuse. Aber das ist ja das Spannende bei einem Künstler, die Inspiration zu bekommen von Leuten, bei denen du am Anfang denkst, dass sie übertrieben oder uninteressant sind. Und oft ist es auch einfach deren Lebenseinstellung, die mir eine Vielflätigkeit vorstellt von der ich dann meine Kreativtät ziehen kann.

Möchtest du mit deinen Arbeiten eine konkrete Aussage treffen?

Ich versuche meine Porträts wie Statements in die Welt zu setzen. Schlicht, nackt, monumental, plakativ, inszeniert. Eine zeitlose Bestandsaufnahme. Und so wie ich das jetzt verkaufe bin ich zufrieden. Was ich nächstes Jahr von meiner Arbeit halte steht noch in den Sternen. Wenn ich nur daran denke, was für Bilder ich vor 2 Jahren gemacht habe… Da hatte ich ausschließlich nur eine Einweigkamera dabei.

Was planst du als nächstes?

Ich möchte meine Backstage-Bilder, die ich während der Fashion Week von Augustin Teboul, Vladimir Karaleev und Hien Le gemacht habe zu einem kleinen Buch drucken lassen. Künstlerisch in Szene gesetzt und limitiert. Es sind teilweise abstrakte Porträts der drei Kleidermarken, die in einer Zusammenstellung unterschiedlicher nicht wirken könnten. Aber was sie verbindet sind die jungen und ambitionierten Designer dahinter, die sich schon einen festen Platz in der deutschen Modewelt ergattert haben und die mit ihrer Frische und einer gewissen berliner Leichtigkeit mit zu einem ständigen Kreativwechsel beitragen, mit dem ich mich so gut auseinandersetzen kann. Es ist auch quasi eine zweifache Hommage – an die Designer und an Berlin.

Zudem plane ich auch ein Fotobuch meiner Arbeiten aus den letzten 1-2 Jahren fertigzustellen. Porträts von interssanten Leuten aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Leider fehlt mir da noch die finanzielle Basis. Aber ich bin schon mit meiner Druckerei am verhandeln. Sponsoren sind auch jederzeit willkommen… :-)

Wovon träumst du?

Von einem Shooting mit Kate Moss. Und ich hoffe darauf, dass meine künstlerische Ader von den Zeitungen bald stärker anerkannt wird und aus der toten Fotografie, die massenhaft in den Magazinen vetreten ist, hervorsticht. Ich bin ein großer Fan der Fashion Fotografie der 90er. Wolfgang Tillmanns, Jürgen Teller… Dieser Stil hat einen großen Einfluss auf mich. auch jemand wie Terry Richardson. Aber eher in der Art, wie er sich vermarktet oder um mir vorzuzeigen, wie ich es jetzt nicht machen möchte. Nicht, dass er unbedingt schlechte Arbeit leistet, aber es gibt genug Terry-Fotografie. Ein tolles Buch dazu hab ich letztes Jahr im Studio eines Freundes in Hamburg entdeckt. „Fashion Photography of the Nineties“ vom Scalo Verlag. Große Klasse. Ich hab es mir sofort bei Amazon bestellt. Diese Echtheit und das Radikale in der Fotografie zu jener Zeit wünsche ich mir in meiner Arbeit zu erreichen. Nicht, dass ich wieder den Kreis der Wiederholung schliessen möchte wie es in der Modewelt üblich ist, aber von der Herangehensweise, wie man gearbeitet hat und welchen Zugang man zum Material und zur Kreativtät hatte, da können sich so einige Fotografen eine Scheibe abschneiden. Auch Träume ich davon, mehr junge Fotografen kennenzulernen mit denen man zusammenarbeiten und sich austauschen kann. Viele sind nur auf sich fixiert uns sehen Kollegen als Konkurrenten an, was nicht schlecht ist, aber die wenigsten machen überhaupt gute Fotos.

Wann und wie hast du dich entschieden, nichts klassisch „Vernünftiges“ zu machen sondern den Weg des Künstlers einzuschlagen?

Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir immer viel Freilauf im Werdegang gegeben haben. Für mich gab es einfach nie was Anderes. Das ist keine Frage von Entscheidung, es ist eher wie eine Bestimmung. Begabung verpflichtet. Haters gonna hate. Und außerdem, wer sagt denn, dass ich in 10 Jahren noch Fotos machen werde? ich hab noch viel vor.

Welche Platte, welches Buch, welcher Film haben dich am stärksten geprägt?

An dieser stelle will ich lieber meinem Mentor und Freund Walter Pfeiffer erwähnen, dessen Arbeit mir vor ein paar Jahren aufgefallen ist und mich sehr in Bildkompostion und Farbigkeit geprägt hat. Er ist zwar viel mehr verspielt in seinen Bildern als ich, aber ich fang ja auch erst an. Walter ist seit Jahrzenten eine Insidergröße der plakativen und schönen Fotografie und meine persönliche Nummer eins. ich bin froh, so viele tolle Leute zu kennen und Freunde um mich zu haben, die mir helfen und mir beseite stehen. Danke.

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