Miriam Kollmar- nominiert für AABER AWARD 2013

Konstruktion und Kalkül

2012 38 x 27 cm

Fotografie/Wasser

Etwa acht Stunden dauert es, dann ist der Eisblock, der die Fotografie eines Gesichts umschließt, weggeschmolzen. Das Foto zeigt das Portrait einer jungen Frau, die uns frontal anblickt. Mit dem Schmelzen verliert der Block seinen Stand, er kann kippen und in Teile zerbrechen. Am Ende bleiben von der Fotografie ein paar aufgelöste Fetzen. Das einfache Papier, auf das sie gedruckt war, ist zerschlissen, die Farbe zerlaufen. Der dicke Eispanzer bot ihr also auch Schutz. Der Titel der Arbeit von Miriam Kollmar „Konstruktion und Kalkül“, lässt solche Mehrdeutigkeit bereits erahnen.

Das Porträt verzichtete auf jede emotionale Beteiligung; keine Regung ist aus dem fotografierten Gesicht abzulesen. Der Eisblock ist eine Metapher. Emotionslosigkeit wird landläufig mit Kälte gleichgesetzt, und aus dieser Kälte kommen Konstruktion und Kalkül. Während der Jahresausstellung an der Kunstakademie München fror Miriam Kollmar jeden Tag das gleiche, jeweils neu ausgedruckte Foto von sich selbst in einen dicken Block aus Eis ein, um diesen dann langsam durch die Umgebungstemperatur aufzutauen – um damit sowohl den Block als auch das Foto von sich selbst verschwinden zu lassen. So ist die Arbeit eine mögliche Variante des Themas Selbstbildnis. Wie für ein erkennungsdiensttauglich, biometrisch erfassbares Passbild hat sich Miriam Kollmar aufgenommen, so neutral wie nur möglich. Der Unterschied zu der beispielsweise auf sogenannten sozialen Netzwerken im Internet allgegenwärtigen „heißen“ Präsentation des eigenen Egos in unterschiedlichen Rollen, aber auch zu den klassischen Stilisierungen gemalter Künstlerbildnisse ist deutlich. Während die Rollenspiele in der Regel einen Typ, eine Haltung oder eine anderweitige Aussage über die Persönlichkeit inszenieren, ist diese Selbstdarstellung neutral. Dies mag zwar ebenfalls einem Rollenklischee entsprechen, doch klar ist, dass der Widerspruch nicht in der Ummantelung liegt, sondern im Vorgang des Auftauens, eines normalerweise emotional positiv besetzten Begriffs. Die genaue Wiedergabe der Konstruktion des Äußeren verschließt sich in der Lesbarkeit des Inneren. Erst der schmelzende Eisblock gibt der neutralen Fotografie eine interpretierende Komponente. Genau an diesem Punkt setzt jedoch das Kalkül ein: Indem eine scheinbar neutrale Persönlichkeit in strenger Selbstkontrolle im kristallinen, klaren Eis fixiert ist und dann um den Preis der Auflösung befreit wird. Die Künstlerin selbst friert ihr Bildnis ein. In der Präsentation jedoch akzeptiert sie, dass diese Rolle nicht ewig ist.

 

Man könnte melancholisch fragen, was bleibt? Wohl gemerkt bilden wir hier ein Objekt ab, geben das Standbild eines Vorgangs wieder, der gerade nicht im Festhalten eines Moments liegt, sondern wie beschrieben dessen Vergänglichkeit zeigt – ein klassisches Motiv in der Kunstgeschichte. Die Arbeit von Miriam Kollmar hat neben der Selbstinszenierung und dem aufwändigen Herstellen des Objekts – der Eisblock muss aus mehreren Schichten aufgebaut werden, um das Fotopapier darin exakt auszurichten – einen starken konzeptuellen Aspekt. Er führt die beiden Begriffe des Titels zusammen. Durch die Ausstellung der Konstruktion in der Öffentlichkeit zerstört sie sich selbst, zurück bleibt am Schluss, wie kalkuliert, eben bloß eine Wasserlache und ein paar Fetzen farbiges Papier. Mit Kalkül wird die starre Ego-Konstruktion zu einem Motiv des Vergänglichen.

 

Jochen Meister

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